Wolfgang Hadamitzky


Japanbezogene Lehrmaterialien, Wörterbücher und Bibliografien



Radikalbestimmung


Die Regeln für die Bestimmung des Radikals bilden zusammen mit der Radikaltafel das Radikalsystem in Zeichenwörterbüchern. Während die Radikaltafel eine Übersicht über diejenigen Zeichen und Zeichenbestandteile gibt, die Radikal sein können („Radikalanwärter“), legen die genannten Regeln fest, welcher von mehreren Radikalanwärtern in einem Kanji tatsächlich für die Anordnung herangezogen und damit zum Radikal wird. In den Fällen, in denen ein Kanji selbst Radikal ist oder nur einen Bestandteil aus der Radikaltafel enthält, werden diese Regeln nicht benötigt. Da aber etwa 90% aller Zeichen zwischen zwei und sieben Bestandteile aus der Radikaltafel enthalten, ist ein Regelwerk zur Radikalbestimmung unverzichtbar. Theoretisch könnte man die betreffenden Zeichen unter jeden der darin vorkommenden Radikalanwärter stellen und damit die Regeln überflüssig machen. In der Praxis führen jedoch alle Zeichenwörterbücher Kanji aus Platzgründen nur unter einem Bestandteil auf.

Die Beschränkung auf ein Radikal pro Zeichen gilt nicht für elektronische Zeichenwörterbücher. Diese und ihre Suchsysteme sollen in separaten Artikeln behandelt werden.

Die im Buchhandel erhältlichen einsprachigen japanischen Zeichenwörterbücher sind überwiegend nach dem traditionellen Radikalsystem geordnet. Ihre Benutzung ist erheblich dadurch erschwert, dass sie keine Regeln für die Bestimmung des Radikals angeben. Sie berufen sich stattdessen durchweg auf das im Jahr 1716 in China erschienene Zeichenwörterbuch 康熙字典 Kangxi zidian, japan. Kōki jiten. Nach welchen Kriterien es ordnet, wird jedoch nicht erklärt. In anderen Quellen als den Wörterbüchern selbst heißt es, der bedeutungstragende Teil des Zeichens sei das Radikal. Abgesehen davon, dass die meisten Zeichen mehrere bedeutungstragende Teile enthalten, setzt eine solche Regel die Kenntnis dessen voraus, was man eigentlich in einem Wörterbuch nachschlagen möchte, nämlich die Bedeutung. So wird der Benutzer ratlos zurückgelassen, denn der Verweis auf das selbst den meisten Japanern allenfalls dem Namen nach bekannte und zudem in chinesischer Sprache abgefasste Kangxi zidian ist von keinem praktischen Nutzen, zumal auch darin die Regeln für die Bestimmung des Radikals nicht offen gelegt sind. Wenn die Zeichensuche in diesen Wörterbüchern trotz der genannten Schwächen mit Einschränkungen funktioniert, dann nur deshalb, weil der wichtigste bedeutungstragende Bestandteil meistens in einer bestimmten Position zu finden ist, nämlich überwiegend links, oben oder als Umschließung. Hat ein Zeichen zwei Radikalanwärter, z.B. einen links und einen rechts, einen oben und einen unten, dann hat der linke Vorrang vor dem rechten und der obere Vorrang vor dem unteren. Weil dies jeder Benutzer der traditionellen Wörterbücher nach kurzer Benutzung merkt, gibt er bald die Suche nach dem sinntragenden Bestandteil auf und bestimmt das Radikal stattdessen nach seiner Position im Zeichen.

Die Tatsache, dass das Radikal in der Praxis selten gemäß seinem Anteil an der Bedeutung des Gesamtzeichens bestimmt wird, sondern über seine Position, haben sich westliche Lexikografen zunutze gemacht, um generell die Position zum Kriterium für die Radikalbestimmung zu machen. Schon 1924 hatten Arthur Rose-Innes und in seiner Nachfolge 1962 Andrew N. Nelson in ihren japanisch-englischen Zeichenwörterbüchern leicht verständliche Regeln zur Radikalbestimmung nach der Radikalposition entwickelt. Diese Regeln wiederum waren Vorbild für die seit 1989 erschienenen Zeichenwörterbücher mit dem 79-Radikale-System, die die Suche noch einmal deutlich vereinfachen und beschleunigen.

Die vorliegende Seite bietet eine kommentierte Übersicht über die Regeln zur Radikalbestimmung im 79er-System und über Hinweise (von „Regeln“ kann man nicht sprechen) zur Zeichensuche und Radikalbestimmung, wie sie in Wörterbüchern zu finden sind, die sich auf das Kangxi zidian berufen. Zuerst werden einschlägige japanisch-deutsche/englische Werke behandelt, dann die beiden einsprachigen japanischen Zeichenwörterbücher des bedeutendsten Kanji-Lexikografen des 20. Jahrhunderts und Verfassers des umfangreichsten Zeichenwörterbuchs aller Zeiten (ca. 49.000 Kanji, 13 Bände), des japanischen Sinologen Morohashi Tetsuji (1883–1982).



W. Hadamitzky u.a.: Großwörterbuch Japanisch-Deutsch. Langenscheidt 1997

Bei obiger Tafel handelt es sich um eine Kurzfassung des eigentlichen Regelwerkes, in dem die einzelnen Schritte zur Bestimmung des Radikals eingehend erläutert werden. Eine herunterladbare Version der ausführlichen Regeln finden Sie in den umfangreichen Auszügen aus dem Japanisch-deutschen Zeichenwörterbuch (103 S., 7,6 MB).

Die gleichen Regeln gelten außer für das Großwörterbuch unter anderem auch für:
W. Hadamitzky u.a.: Japanisch-deutsches Zeichenwörterbuch. Buske 2002
W. Hadamitzky: Japanese, Chinese, and Korean Surnames and How to Read Them. Vol. 1. 2. Saur 1998
W. Hadamitzky: Kanji und Kana. 1. Langenscheidt 1995 (der Radikal-Index ist nach diesen Regeln geordnet)



R. Hartmann / W. Wernecke: Japanisch-deutsches Zeichenlexikon. 5. Aufl. Leipzig, Berlin usw.: Langenscheidt, Verlag Enzyklopädie 1994
1. Aufl. Leipzig: Verlag Enzyklopädie 1977

Zitat aus S. 8, „Anordnung“:
„Die Anordnung des Zeichen- und Wortmaterials folgt konsequent dem bewährten, in einsprachigen japanischen Zeichenlexika bevorzugt angewendeten Prinzip der Gliederung nach Radikalzeichen, jenen orientierenden Formen bzw. Formelementen innerhalb der Kanji, die nach geläufiger Vereinbarung entsprechend den weiterentwickelten Bedürfnissen des heutigen Schriftbildes ausgewählt und streng von den 214 historischen Radikalen bestimmt sind.“

Der oben zitierte Satz weist zwar darauf hin, dass das Wörterbuch nach „den 214 historischen Radikalen“ geordnet ist. Es fehlen jedoch Regeln, anhand derer der Benutzer feststellen kann, welcher Bestandteil (von bis zu sieben) eines Zeichens der für die Einordnung maßgebliche ist. Der Verweis auf die „einsprachigen japanischen Zeichenlexika“ nützt wenig, weil zumindest ein Anfänger wohl kaum Zugang zu einem solchen Werk hat. Selbst wenn es ihm zur Verfügung stände, könnte er es nicht lesen. Und wenn er es lesen könnte, würde er feststellen, dass es sich seinerseits auf die Tradition beruft, ohne konkrete Regeln zur Bestimmung des Radikals anzubieten (s. die beiden Werke von Morohashi am Ende dieses Artikels).



A. N. Nelson: Japanese-English character dictionary. Completely rev. by J. H. Haig. Tuttle 1997

Zitat aus „Foreword“, S. VII:
„... the reversion to the traditional radical system, more than compensate for the loss of the Radical Priority System, ...“

Richtigstellung: Die neue Ausgabe stellt keine „Rückkehr“ (reversion) zum traditionellen System dar, sondern eine Umstellung darauf. Eine „Rückkehr“ setzte voraus, dass das Werk bereits früher in einer traditionellen Anordnung erschienen ist, was nicht der Fall ist.

Das von Andrew N. Nelson (1893–1975) mit der ersten Ausgabe 1962 eingeführte „Radical Priority System“ zur Bestimmung des Radikals ist mit der revidierten Ausgabe 1997 laut Vorwort (s.o.) abgeschafft worden, ohne dass neue Regeln an seine Stelle getreten wären. Die Zeichen sind seither nach dem traditionellen Radikalsystem geordnet, ohne dass die diesem zugrunde liegenden Regeln für die Bestimmung des Radikals offen gelegt werden. Insbesondere der Anfänger oder gelegentliche Benutzer kann somit nur raten, welcher Zeichenbestandteil Radikal ist, d.h. unter welchem von bis zu sieben Bestandteilen er ein Zeichen zu suchen hat.

Der Herausgeber der neuen Ausgabe hat offenbar das Problem erkannt. Zwar erklärt er das bewährte „Radical priority system“ für abgeschafft und ordnet die Zeichen auf traditionelle Weise. Aber in dem Kapitel „How to determine the radical of a character“ (S. 1234–1237) werden die „12 Steps“, aus denen das „Radical Priority System“ besteht, zur Bestimmung des Radikals (mit Ausnahme von Step 12) wieder eingeführt – sogar als einziges Regelwerk in der neuen Ausgabe. Im Unterschied zur alten Ausgabe wird die Bezeichnung „Radical Priority System“ allerdings nicht mehr verwendet, und die Regeln sind jetzt mit der Warnung versehen, „The rules are not absolute, but the guidelines will generally lead the user to the correct location“.

Hier eine Kurzfassung der „12 Steps“ aus der neuen Ausgabe 1997, ohne die Erläuterungen und Beispiele im Buch:
„1. All?
2. Lone?
3. Enclosure?
4. Left?
5. Right?
6. Top?
7. Bottom?
8. NW [NorthWest]
9. NE?
10. SE?
11. SW?
12. Inside?“ [alte Ausgabe: „High“]

Fazit: Die von Nelson erarbeiteten und über Jahrzehnte bewährten Regeln für die Bestimmung des Radikals sind im alten wie im neuen Nelson praktisch die gleichen. Der Unterschied: In den früheren Ausgaben richtete sich die Anordnung der Zeichen zu 100% nach diesen Regeln, in der neuen Ausgabe findet man das gesuchte Zeichen nach den gleichen Regeln in weniger als 90% der Fälle. Man darf davon ausgehen, dass dies nicht im Sinne des 1975 verstorbenen Autors ist.



漢和辭典 諸橋轍次他著 全13巻 大修館書店 1984–1986.
Dai Kan-Wa jiten. Morohashi Tetsuji u.a. Rev. Ausg. Band 1–13. Verlag Taishūkan 1984–1986 (1. Ausg. 1955–1960)

Zitat aus Band 1, S. 4, Benutzungsanleitung (deutsche Übersetzung von W.H.):
„Anordnung der Zeichen und Wörter:
1. Die Anordnung der Zeichen in diesem Buch folgt überwiegend den Vorgaben im Kangxi zidian. Das heißt, alle Zeichen sind zunächst einmal nach den 214 Gruppen in der Reihenfolge der Radikale klassifiziert, innerhalb eines jeden Radikals sind die Zeichen nach der Reihenfolge ihrer Strichzahl geordnet. ...“

Wie bei traditionellen Zeichenwörterbüchern üblich verweist die Benutzungsanleitung auf das Kangxi zidian, ohne dessen Regeln für die Radikalbestimmung zu erklären. Sie werden als bekannt vorausgesetzt.



廣漢和辭典 諸橋轍次他著 全4巻 大修館書店 1981.
Kō Kan-Wa jiten. Morohashi Tetsuji u.a. Band 1–4. Verlag Taishūkan 1981

Zitat aus Band 1, S. 4, Benutzungsanleitung (deutsche Übersetzung sowie in eckigen Klammern eingefügte Erläuterungen von W.H.):
„10. Die Anordnung der Stichzeichen richtet sich nach der Radikalabfolge.
11. Auswahl und Reihenfolge der Radikale basieren auf dem Kangxi zidian, mit folgenden Änderungen, um das Nachschlagen zu erleichtern:
a) Als neues Radikal wird [die drei Schrägstriche auf 単] eingeführt. ...
Zeichen, deren ursprüngliches Radikal verloren gegangen ist, werden einem anderen Radikal aus dem überkommenen Fundus zugeordnet. ...
b) Die folgenden Radikale werden getrennt aufgeführt [Es folgt eine Auflistung von elf Radikalen, die – abweichend vom klassischen Radikalsystem – voneinander getrennt aufgeführt werden.]“
c) Die folgenden Radikale werden zusammengeführt: [Radikale, die man aufgrund ihres ähnlichen Aussehens miteinander verwechseln kann, werden unter dem häufiger vorkommenden Radikal zusammengeführt, d.h. die seltener vorkommenden verlieren ihre Radikalfunktion, so dass die im Kangxi zidian darunter aufgeführten Kanji hier unter dem häufiger vorkommenden ähnlichen Radikal angeordnet sind.]
d) Wo es der Radikalklassifizierung im Kangxi zidian an Logik mangelt bzw. das Nachschlagen von Zeichen erschwert wird, haben wir den Radikalen eine andere Position zugewiesen: [Einige Radikale stehen jetzt unter einer anderen Strichzahl.].„

Obwohl die Benutzungsanleitung relativ ausführlich auf die Abweichungen vom traditionellen Radikalsystem des Kangxi zidian eingeht, wird dieses selbst nicht erklärt, sondern als bekannt vorausgesetzt. Das gilt besonders für die Kriterien zur Bestimmung des Radikals als den neben der Radikaltafel wichtigsten Teil des Radikalsystems.


Juli 2005, W.H.





Wolfgang Hadamitzky

rückwärts vorwärts Seitenanfang Mail an WH an Webmaster Hilfe