Wolfgang Hadamitzky


Japanbezogene Lehrmaterialien, Wörterbücher und Bibliografien



Kanji


Definition

Kanji 漢字 ist die japanische Bezeichnung für chinesische Zeichen: 漢 (kan, chines. han) steht für das Mehrheitsvolk der Han-Chinesen, 字 (ji) bedeutet Schriftzeichen.

Herkunft und Aussprache

Jedes dieser Zeichen ist ein einfaches oder zusammengesetztes Piktogramm. Die Grundbedeutung jedes Zeichens geht auf die darin enthaltenen Bilder und ihre Anordnung zurück. Die Aussprache des Zeichens ergibt sich aus dem Wort, für das es steht. Zwar übernahmen die Japaner seit dem 4. Jh. mit den Zeichen zunächst auch deren chinesische Aussprache und behielten diese bis heute bei, doch bald wurden mit den Zeichen auch japanische Wörter geschrieben. Deshalb gibt es heute für fast alle Zeichen sowohl an die japanische Lautstruktur angepasste sinojapanische (On) als auch rein japanische (Kun) Lesungen. Die Zahl der On-Lesungen für ein Zeichen hängt davon ab, zu welcher Zeit und aus welcher Region es aus China übernommen wurde, während die Zahl der Kun-Lesungen der Zahl der japanischen Wörter entspricht, die ein Zeichen repäsentiert. Wie ein mit Kanji geschriebenes Wort im konkreten Fall auszusprechen ist, ergibt sich in der Regel aus dem Kontext. Außer den aus China übernommenen Zeichen sind Kanji im Gebrauch, die in Japan nach dem Vorbild chinesischer Zeichen entstanden sind. Dabei wurden bestehende Zeichen zu neuen Zeichen zusammengesetzt. Diese werden im Japanischen als 国字 Kokuji (Landeszeichen) bezeichnet.

Bedeutung

Als Piktogramme haben die chinesischen Zeichen seit Jahrtausenden eine Art Grundbedeutung, die sich aus den dargestellten Objekten und Ideen bzw. aus deren Kombination ergibt. Später wurden die Bedeutungen erweitert (z.B. 日 „Sonne“ auch für „Tag“, 木 „Baum“ auch für „Holz“) oder es wurden den Zeichen völlig andere Bedeutungen zugewiesen. Bei der Übernahme der chinesischen Schrift durch die Japaner gab es weitere Bedeutungsverschiebungen, und die Zeichen dienten nun auch zur Darstellung japanischer Wörter mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung.

Die konkrete Bedeutung eines Zeichens erschließt sich erst aus dem Kontext. Steht es für ein ganzes Wort, dann hat es die Bedeutung(en) dieses Wortes. Da ein Zeichen meistens für mehrere Wörter steht, kann es entsprechend viele Bedeutungen haben. Diese müssen nicht identisch sein mit der Bedeutung, die das Zeichen als unselbständiger Teil eines aus mehreren Kanji bestehenden Wortes hat. Aus diesem Grund ordnen Zeichenwörterbücher in der Regel die Bedeutungen nicht dem einzelnen Zeichen zu, sondern seinen Lesungen.

Eine spezielle Bedeutung können Zeichen haben, die als Radikal in anderen Zeichen vorkommen. So kann z.B. das Zeichen 木 für „Baum“ bzw. „Holz“ als Radikal die Bedeutung „aus Holz gefertigt“ annehmen, z.B. in den Zeichen für „Stock“, „Brett“ und „Brücke“, und das Radikal 水 für „Wasser“ anzeigen, dass es sich bei dem Begriff um eine Flüssigkeit oder etwas Unstetes handelt. Als Radikal ordnen Zeichen somit das Kanji, in dem sie enthalten sind, einer Kategorie von Gegenständen oder Begriffen zu. In den weitaus meisten Fällen nehmen Radikale den linken oder oberen Teil eines Kanji ein.

Funktion

Im heutigen Schriftsystem dienen Kanji zur Wiedergabe von Begriffswörtern wie Substantiven, Verben und Adjektiven sowie von einheimischen, chinesischen und koreanischen Eigennamen. Anders als das Chinesische, in dem ein Kanji immer ein vollständiges Wort repräsentiert, ist das Japanische eine flektierte Sprache, in der das Kanji bei flektierbaren Wörtern (Verben und Adjektiven) nur den Wortstamm repräsentiert, während die Endung mit Hiragana geschrieben wird, den so genannten Okurigana (begleitende Kana). Während Verben und Adjektive überwiegend aus nur einem Kanji (+ Okurigana) bestehen, schreiben sich die meisten Substantive und Quasi-Adjektive mit zwei Kanji (ohne Okurigana). Die Kombination zweier Kanji (mit ihrer On-Lesung) ist im Japanischen ein unerschöpflicher Quell zur Bildung neuer Wörter, insbesondere von Substantiven.

Bei den meisten Textarten machen die Kanji etwa 50% der verwendeten Zeichen aus. Der Rest besteht aus den Silbenschriften Hiragana und Katakana (zusammenfassend: Kana) sowie in geringerem Umfang aus arabischen Ziffern und lateinischen Buchstaben.

Die Wiedergabe von Begriffswörtern durch Kanji erleichtert es, rasch den Sinn eines Satzes zu erfassen, ohne sich von mit Kana geschriebenen Funktionswörtern ablenken zu lassen. Gleichzeitig helfen Kanji Anfang und Ende eines Wortes oder eines Wortstammes zu erkennen – eine wichtige Funktion, weil in der Regel alle Wörter ohne Wortzwischenräume hintereinander geschrieben werden. Ein nur in Kana geschriebener Text wäre aus den genannten Gründen recht mühselig zu lesen.

Weil sie auf engem Raum verhältnismäßig viel Bedeutung transportieren, ist die Verwendung von Kanji im Vergleich zu Kana oder lateinischen Buchstaben sehr platzsparend. Bei Abkürzungen und überall dort, wo der Platz knapp ist (z.B. auf kleinen Displays), sind Kanji anderen Schriftzeichen deutlich überlegen.

Anzahl

Über die genaue Anzahl der jemals in Gebrauch befindlichen chinesischen Zeichen gibt es keine verlässlichen Angaben. Das umfangreichste Zeichenwörterbuch, das von dem Japaner Morohashi Tetsuji herausgegebene Dai Kan-Wa jiten (13 Bände, 1955–1960) verzeichnet ca. 50.000 Kanji. Die Zahl der Stichzeichen in den meisten japanischen Zeichenwörterbüchern beläuft sich auf etwa 10.000 bis 20.000. Die größeren zweisprachigen Zeichenwörterbücher für Ausländer verzeichnen etwa 6.000 bis 7.000 Zeichen. Für den alltäglichen und amtlichen Gebrauch empfiehlt die Regierung die Beschränkung auf 1.945 Zeichen, die sog. Jōyō-Kanji. Für das Universitätsstudium wird die Kenntnis von etwas über 2.000 Zeichen vorausgesetzt. Die ersten sechs Schuljahre sehen die Vermittlung von 1.006 sog. Gakushū-Kanji (wörtl.: Lernkanji) vor.

Strichzahl und Strichfolge

Die einfachsten Kanji bestehen aus nur einem Strich, das Zeichen mit der größten Strichzahl im Großwörterbuch Japanisch-Deutsch hat 64 Striche. Die 1.945 Jōyō-Kanji haben im Durchschnitt zehn bis elf Striche. Für die Schreibrichtung und Reihenfolge der Striche gibt es ein eigenes Regelwerk. Die Grundregel für beide lautet: von links nach rechts, von oben nach unten.

Ordnung

Mit Kanji geschriebene Wörter werden entsprechend ihrer Aussprache zusammen mit in Kana geschriebenen Wörtern in alfabetischen Wörterbüchern geordnet. Daneben gibt es die sog. Zeichenwörterbücher, in denen Einzelkanji und mit Kanji geschriebene Wörter nach Zeichenbestandteilen, den Radikalen, geordnet sind. Im Lesungs- und Strichzahl-Index dieser Zeichenwörterbücher sowie in Wortlisten werden Zeichen auch nach ihrer Aussprache und der Strichzahl geordnet.

Transkription

Die Aussprache von mit Kanji geschriebenen Wörtern oder Eigennamen wird – soweit überhaupt als erforderlich betrachtet – in Texten für Japaner in der Regel mit Hiragana angezeigt. Die in kleinerem Schriftgrad als Aussprachehilfe über oder unter dem/den Zeichen stehenden Hiragana nennt man Furigana, in Textsystemen Rubi. Ausführlichere Informationen zur Transkription mit Lateinbuchstaben – vor allem in Texten für Ausländer verwendet – finden Sie im Artikel Umschrift und in den Kana-Transkriptionstafeln.

Literatur

W. Hadamitzky: Langenscheidts Handbuch und Lexikon der japanischen Schrift. Kanji und Kana 1. 1995
Gibt zu jedem der 1.945 Jōyō-Kanji die Schreibweise, Lesungen, Bedeutungen und jeweils fünf Komposita. Mit drei Kanji-Registern.


Mai 2005, W.H.





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